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Kapitel 1

„Und? Gefällt dir dort schon irgendein Mädchen?“,bombardierte mich meine Mutter am Frühstückstisch. Irgendwann müsste es ja auch mal mit mir klappen. Auf jeden Topf passt schließlich ein Deckel. Weil ich aber schon am bisherigen Gesprächsverlauf erkannt hatte, dass sie drauf und dran war, mir genau diese Frage zum zigsten mal zu stellen, stopfte ich mir vorsorglich schon die Nutella Stulle in den Mund, um ein Antworten nach der Feinen Art unmöglich zu machen. Zwar legte ich im privaten Bereich ebenso wenig Wert auf solche Umgangsformen, wie der Rest meiner Familie, jedoch wollte ich spontan und lässig wirken, als ich die Antwort, ebenfalls zum zigsten mal, abspulte.
„Ja, nix.“
„Gefällt dir denn gar kein Mädchen?“
„Irgendwie nicht so.“
„Na, warte mal ab. Wenn die Neuen vom anderen Jahrgang zu euch kommen ist bestimmt was Passendes dabei.“
Zugegebenermaßen: Es war schon eine Seltenheit, dass man in einer Zeit voller frühreifer Pickeldrücker noch nie „so richtig“ mit jemanden zusammen war. Und das mit 20 Jahren.
Jede meiner Beziehung zu Mädchen, die ich versuchte ein zugehen, scheiterte früher oder später. Irgendwie schlief alles ein. Die Gespräche, die Aktivitäten, einfach alles. An Interessenten hat es bei mir auch nie gelegen. Warum auch? Ich war zwar keine außergewöhnliche Schönheit, allerdings konnte man mich auch nicht als hässlich abstempeln. Seitdem ich vom Gymnasium weg war und meine Ausbildung startete, pflegte ich mich zunehmend mehr und mehr und achtete penibel auf meinen Körper. Natürlich bemerkte meine Mutter das nach einer Weile und wurde misstrauisch, ob ich das nicht womöglich alles für ein bestimmtes Mädchen beziehungsweise junge Frau tun würde. Manchmal machte ich mir auch ein Spaß daraus, sie zu verwirren und einfach unklare Antworten zu geben. Das waren für sie die Augenblicke der Hoffnung.
Das letzte Mädchen, das mir über den Weg lief und Interesse bekundete, servierte ich schon ab, bevor es überhaupt zu einer Beziehung hätte kommen können. Mit Gefühlen spielen wäre auch nie mein Ding gewesen. Warum auch?
Wie sagt man so schön: Verliebt ist man dann, wenn es im Bauch kribbelt, Flugzeuge oder Schmetterlinge umher schwirren oder man sich fühlt, als hätte man Brausepulver gegessen (was letztlich auch zum Kribbeln im Bauch führen müsste). Vielleicht ist das einfach nur eine totale Übertreibung und „Verliebt sein“ ist nichts weiter als das „Süß-finden“ von jemanden. Ich für meinen Teil konnte bis dahin nur von der eher ernüchternden Variante erzählen. Das Einzige, was bei mir im Bauch passierte, wenn ich mich mal bei einem Mädchen befand, war, dass er früher oder später anfing zu knurren. Eine äußerst schlechte Angewohnheit von ihm, da er immer dann exakt zu knurren schien, wenn ich mich langweilte oder einfach nur Hunger hatte.
Ich warf mir die Umhängetasche um die rechte Schulter und ging mit einem Abschiedsküsschen für meine Mutter los zur Berufsschule. Das war Anfang November und das Wetter dementsprechend kühl und rau.

Die Zugfahrt zur Berufsschule verbrachte ich sitzend. Immer wieder sah ich mein verdunkeltes Spiegelbild in der gegenüberliegenden Fensterscheibe und war über mich selbst verwundert. Wo zuvor nur monotones dunkelblondes Haar saß, befand sich eine mit hellblonden Strähnen durchsetzte Struwwelfrisur. Zusätzlich war meine Kleidung nicht mehr länger einfach zusammengewürfelt; alles passte einfach zusammen. Schuhe, Hose, Jacke, Handschuhe, Kette. Meinen Silberschmuck legte ich mir schon lange nicht mehr um. Ob er mir zu schwul wäre, fragte meine Mutter. Ich überhörte die Frage einfach und blieb bei meiner einfachen holzfarbenen H&M Kette.
Diese Freiheit genoss ich allerdings erst seit geraumer Zeit. Mit dem Beginn meiner Ausbildung trat ich nicht nur in ein neues soziales Umfeld ein. Meine finanzielle Ungebundenheit hatte auch zugenommen. Ich war nicht mehr länger darauf angewiesen, mit meiner Mutter inklusive meinem Vater einkaufen zu gehen. Das konnte ich jetzt alleine mit Freunden unternehmen. Sicherlich hätte man auch zuvor nichts dagegen gehabt, hätte ich mir meine Kleidung selbst gekauft. Allerdings war mein Stil nicht derjenige, den meine Eltern als gut empfunden hätten. Mit selbst verdientem Geld aber war alles anders.
Als ich meine Selbstbetrachtung abgeschlossen hatte, wendete ich mich der üblichen Musterung anderer Menschen zu. Damals fürchtete ich den Augenkontakt zu fremden Personen, wie ich es heute noch oft bei Artgenossen beobachten kann. Aber mit meiner Selbsterkennung verließ mich auch diese schüchterne Angewohnheit. Vielleicht, um ein wenig zu provozieren, vielleicht aber auch, weil ich begriffen hatte, was ich wollte.
Gegenüber von mir saß eine junge Frau, etwa Anfang 30. Sie kramte in ihrer IKEA Tasche herum und holte nach kurzer Zeit einen abgenutzten Hefter mit der Aufschrift „Georg Herbrich“ hervor. In ihrer rechten Hand hielt sie einen roten Fineliner, der parallel mit ihren Augen die Seiten des Hefter auf der Suche nach Fehlern entlang gleitete. Hin und wieder unterstrich sie ein Wort oder kritzelte ein Fragezeichen an den linken Heftrand, wie es sich für eine ordentliche Lehrerin ebenso gehörte.
Als sie einen vierzeiligen Abschnitt mit einer Klammer und einem weiteren aus purem Egoismus gezeugten Fragezeichen versah, überkam mich ein Anflug von Groll. Wieso um alles in der Welt musste ein Hefter, der einem Schüler für seine persönlichen Studium dienen sollte, für sie verständlich sein? Jeder Mensch ist anders gestrickt. Wie kann man dann nur davon ausgehen, dass jede Denkweise der eigenen entsprechen müsste? Ich selbst konnte mir nicht vorstellen, anders über Dinge nachzudenken oder an sie heranzutreten, als ich es tat. Worin ich mir allerdings sicher war, war dass es einfach unterschiedliche Denk-, Verhaltens- und Gefühlsmuster geben müsste. Wie ist es sonst möglich, dass Personen, die die gleichen Texte lesen, die selben Bilder betrachten, die gleiche Speise zu sich nehmen oder Menschen lieben trotzdem auf verschiedene Interpretationen und Geschmäcker kommen? Wieso konnte sie den Absatz nicht einfach so in seiner Gestalt dort stehen lassen? Fühlte sie sich durch seine Existenz gestört? Wenn es dem Schüler das Lernen so viel einfacher gestaltete, warum musste sie dann darauf rum hacken?
„Und wie war es so bei Alex?“, fragte mich Sebastian während der ersten Pause.
„War ganz schön. Wir haben bis halb drei gemacht. Sein Zimmer war ganz schön unordentlich.“
„Wie? Was hat er denn so herumzustehen?“
Sebastian, oder Basti kurz, zog an seiner Zigarette und ließ den warmen Qualm, den er ausatmete, langsam mit der kalten Umluft zu einer Einheit werden.
„Viel amerikanisches Zeugs. Flaggen, T-Shirts, alles kreuz und quer. Und Bücher über Gesetz und Recht so. Für sein Studium.“
„Was studiert er nochmal?“
„BWL. Informatik hat ihm kein Spaß mehr gemacht. Zu viele mathematische Beweise.“
„Aha.“
Die entstandene Pause nutzte er für einen weiteren Zug frisch verbrannten Tabaks.
„Er war ganz schön schüchtern. Obwohl ja sogar nur Freunde von ihm da waren“, fügte ich etwas abseits des eigentlichen Gesprächsfaden hinzu.
„Passt doch“, entgegnete mir Basti trocken, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. Das war eben seine Art zu quatschen.
„Naja, so einfach ist das nicht. Er hat immerhin eine Freundin. Eine Fernbeziehung.“ Ich wusste, worauf Basti hinaus wollte.
„Und? Die sehen sich dann doch sicherlich nicht so oft.“
„Schon“, sprudelte es aus mir heraus, „aber so einfach geht’s nicht. Er ist eben nun mal nicht schwul. Und Umpolen geht ja wohl nicht.“
Ich war schon immer ein recht Sensibler und Feinfühliger, ein zart besaiteter Mensch eben. Bloß kein Stress und Ärger war meine Devise. Auf dem Gymnasium wurde oft darüber gemunkelt, von welchem Ufer ich käme. Sogar meine Familie scherzte hin und wieder darüber. Das alles war sogar berechtigt. Eine feminine Art hatte ich wohl wirklich an mir. Alleine durch meine verkrümmte Wirbelsäule bedingt, bewegte ich mich schon „anders“. Aber schwul war ich natürlich nicht. Das wusste ich, dachte ich, oder glaubte ich zumindest. Wieso sollte denn auch ausgerechnet ich so was sein?.
24.11.09 15:29
 


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