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Kapitel 2

So gesehen war es ein ziemliches Glück für mich, dass ich Basti getroffen habe. Ich weiß auch nicht, warum ich es ausgerechnet ihm zu erst erzählt habe. Wahrscheinlich war er einfach der offenste und entspannteste Mensch, den ich bis dahin kannte. Er würde über keinen Menschen aufgrund seiner sexuellen Orientierung vorurteilen. Das tat er auch nicht. Im Gegenteil: Es war Basti, der mich dazu brachte, aktiver zu werden und mehr aus meinem Leben zu machen.
Er war derjenige, der mir sagte, ich sollte unter die Menschen gehen. Er war der, der mit mir in eine Schwulenbar ging. Alleine hätte ich nie den Mut gefunden, in eine solche Lokalität abzusteigen, aber durch seine Begleitung fühlte ich mich sicher und geborgen.
Meine Eltern waren so lange ich mich zurückerinnern kann stets voller Zuneigung und Liebe erfüllt, was mich betraf. Meinem älteren Halbbruder müttlicher seits, der für mich allerdings immer wie ein "ganz normaler" Bruder war, brachte mein Vater nie die Liebe entgegen, die ich zu spüren bekommen hatte. Zumal Jan, mein Bruder, auch so in seinem Prozess des Großwerdens genug Probleme bereitet hat. Da waren ständige Geldprobleme, Ärger mit der Polizei oder einfach das Nicht-nach-Hause-Kommen im zarten Kindergartenalter. Ich hingegen war immer gehorsam und einfach nur lieb zu meinen Eltern. Ohne etwas dafür zu können, hatte ich ihnen immerhin schon genug Sorgen bereitet. Ein angeborener Herzfehler, wie es bei mir der Fall ist, war zu damaligen Zeiten keine Sache, die man auf die leichte Schulter nahm, und auch heutzutage nicht einfach so wegsteckt. Ich kann mich noch daran erinnern, wie meine Mutter mir eines Tages erzählte, wie ihr auf grausamste Wese im Krankenhaus, als ich vielleicht zwei Wochen alt war, von einer Krankenschwester beigebracht worden ist, sie bräuchte sich garnicht erst an mich gewöhnen, da ich bald nicht mehr leben würde. Zu meinem Glück kam jedoch gerade noch rechtzeitig der Mauerfall ins Spiel, und so konnte ich im Westteil Berlins entsprechend behandelt werden. Heute bleibt mir als einzige äußerliche Erinnerung eine etwa zwanzig Zentimeter lange Narbe längs über den Brustkorb.
Das Verhältnis zu meinen Eltern war somit eigentlich gut genug, als dass es eigentlich keine Probleme hätte bereiten dürfte, ihnen die Wahrheit über meine nicht vorhandenen Gefühle für das weibliche Geschlecht, für das Männliche aber umso mehr, Bericht zu erstatten. Allerdings blieb mir trotz allem rationalen Nachdenken immer der Gedanke im Kopf hängen, was sein würde, wenn sie es nicht so gut aufnehmen würden. Daher hielt ich es nicht für die beste Idee, ihnen gleich beim ersten Ausgehen in schwule Szene die gesamte Wahrheit zu erzählen und beließ es bei der für sie vorgesehenen Version bei einer "normalen Bar".
Es kam der entscheidende Freitagabend, an dem ich mit Basti beschlossen hatte, endlich dahin zu gehen, wo ich auf Gleichgesinnte treffen sollte. Nachdem wir noch kurz vorher die Auslegware für seine neue Wohnung in der örtlichen Domäne ausgesucht haben, machten wir uns auf den Weg in die für mich komplett neue Welt. In der Dunkelheit des Abends entdeckten wir schon vor der Einbiegung in die Straße, in der sich die Bar befand, zwei ziemlich abgedrehte Typen.
"Wie sieht sie denn aus?", fragte ich Basti in einem Anflug von Erstaunen und Verwirrung, gepaart mit unglaublicher Aufregung.
"Ist das nicht 'nen Typ?" antwortete er mir rückfragend.
Und tatsächlich: bei der rechten Person handelte es sich um einen Kerl, oder zumindest kerlähnlich. Sein Daniel-Kühblbock-Verschnitt ließ ihn so feminin wirken, dass eine eindeutige Geschlechtsbestimmung im ersten Augenblick schier unmöglich gewesen schien.
Der Typ neben ihm, eindeutig als männliches Wesen erkennbar, schien zwar keine bestimmte Person mit seinem Auftreten imitieren zu wollen, wirkte aber lediglich mit einem Glittershirt bekleidet und mehreren Piercings im Gesicht ebenfalls skuril. Ohne ihnen weiter Beachtung zu schenken, setzten Basti und ich unseren Weg fort und standen wenige Sekunden später am Ziel.
Vor dem Flax tummelten sich bereits kleine, dickliche Mädchen und noch weitaus mehr Typen. Hätte ich mich nicht direkt wissentlich vor einer Schwulenbar befunden, hätte ich den größten Teil der Jungs, die in Gesprächen über Inhalte, die ich aufzunehmen nicht in der Lage war, vor der Lokalität standen, als Checker, Player oder Gangster abgetan. Allerdings konnte mein Gehirn diese Begriffe nicht mit der Schwulheit, die sie umgab, in Verbindung bringen, und so machte ich mir schon bald keine Mühe mehr darüber, nachzudenken, was sie zu so einem Outfit trieb.
"So, dann mal los," unterbrach Basti meinen Gedankengang.
"Njoa."
Die hellblauen und pinken Lichter, die aus dem Schuppen die Dunkelheit auf penetrante Art durchbohrten, steigerten mein Puls unwillkürlich in die Höhe. Was trieb ich mich hier eigentlich rum? Wollte ich wirklich an einem Ort, wo die ganzen eititei Tucken ihre Körper aneinander schmiegten und gegenseitig absabbern würden, meine Zeit verbringen? Wo womöglich schmerzlich veranlagte Lederfetischisten ihren Abend damit versüßen wollten, indem sie Leibesdiener bis zur Erschöpfung auspeitschten? Die ganzen Klischees über die Welt der Schwulen schossen mir nur so durch den Kopf und verunsicherten mich sichtlich zunehmend. Zum Glück ergriff Basti den Türgriff der Bar recht schnell und mit einem Ruck schallte mir alter Deutscher Schlager entgegen.
Erst am Tag zuvor gab mir Basti den Anstoss dazu, in die Szene abzusteigen. Denn wo sonst würde ich Gleichgesinnte treffen, wenn nicht dort? Zuhause machte ich mich voller Eifer gepackt per Internet kundig und fand eben das Flax, in dem laut virtuellen Aushang ein Karaoke Abend stattfinden sollte. Das es sich dabei um das Nachsingen von alter, deutscher Rentnermucke handeln würde, war mir nicht klar.
Ungeachtet dessen und dem Zwang gegenüber, nicht wieder rücklings auszutreten, erkundeten Basti und ich das Territorium auf der Suche, in dem Kabuff sitzen zu können. Wenig später fanden wir eine Couch direkt an der Bartheke, auf die uns ein schlanker, nur mit einem ärmellosen T-Shirt bekleideter Kellner mit einem komplett unattraktiven semi-Schnauzer ausgestattet, aufmerksam machte. Einen Augenblick später folgte ihm ein anderer, etwas korpulenterer Bursche, der uns leider enttäuschen musste, die Plätze seien schon reserviert. Leicht desorientiert schien der Schlankere der beiden keinen Ausweg aus dieser Lage zu finden und ließ uns beide einsam im Raum stehen. Wir gingen kurz darauf wieder hinaus und setzten uns auf eine kalte Bank vor der Bar.
Ein Blick nach vorne verriet, dass sich immernoch Unmengen an Typen, die zuvor auch schon dastanden, sowie die zwei seltsamen Gestalten von der Straßenecke, rum tummelten.
"Wie ich wusste, dass sie hier her gehen", brach Basti die Stille, als er sich eine Zigarette anzündete. Zugegeben, ich dachte vorhin auch schon daran, dass die beiden ominösen Gestalten den Weg hier her nehem würden, mir war aber nicht danach den Gedanken zu äußern. Denn irgendein winziges Detail, dachte ich, übersah ich, und Basti würde es sehen und mir sagen, dem sei eben nicht so. Diese Auffassungsgabe von ihm, auf Dinge zu achten, die ich nichtmal auf dem zweiten Blick sah, machte ihn auch interssant und faszinierend. Genau wie vieles Andere an ihm auch. Er lebte sein Leben nach anderen Gesetzen, sah es durch andere Augen und hörte andere Töne, als ich es tat.
"Was tun wir jetzt?", fragte er mich. Ich wusste einfach keine Antwort auf diese Frage. Ich habe einfach nicht daran gedacht, dass eine solche Situation eintreten würde, wie sie es tat. Und so saß ich da, ratlos, und zuckte nur mit den Schultern.
"Da hinten war ein Dönerstand. Wir können ja was essen gehen", schlug ich nach gefühlten fünfzehn Minuten vor. Unter den Blicken der herumstehenden Typen fühlte ich mich unwohl. So erhoben wir uns und machten uns auf den Weg zum Dönergeschäft an der Ecke. Ich bestellte mir ein Cheeseburger, den Basti, weil er noch ein paar Euro Schulden bei mir hatte, für mich bezahlte. Wirklichen Hunger hatte ich nicht, aber ich wollte aufjedenfall die Zeit totschlagen und einen Plan für das weitere Geschehen entwerfen.
Als sich etwa eine Hälfte des Cheeseburgers in meinem Magen befand, betrat ein älterer Mann, leicht dicklich, fast komplett kahlköpfig mit nur ein paar nach vorne gegelten Haaren und einer kleinen, runden Brille, den Laden und setzte sich, nachdem er eine Pizza für sich bestellt hat, an den einzige weiteren vorhanden Tisch im Raum. Ich saß in gleicher Richtung wie er und so war es mir nicht möglich, ihn genauer studieren zu können. Langsam aß ich also den Burger weiter und setzte mich etwas seitlich auf die Bistrocouch um aus reiner Langeweile herauszufinden, was der Typ dahinter mir machte. Kurze Zeit später, ich war immernoch nicht mit dem Burger fertig, betraten zwei Typen, vielleicht höchstens dreißig, das Geschäft und suchten die Räumlichkeit nach einer angemessenen Sitzmöglichkeit ab. Das tuckige Verhaltend er beiden identifizierte sie nebenbei mit dem Attribut unvekrannbar schwul. Sie setzten sich zu den anderen Gast. Mir türmte sich sofort das Bild eines schwulen Päärchens auf, dass einfach nur durch bloßes Getue provozieren wolle. Ob das ihre tatsächliche Absicht war, blieb mir ein Rätsel, aber zumindest bindeten sie den fremden Mann eifrig in ihr Gespräch mit ein. Was er so treibe und wo er hin wolle. Ich hörte garnicht mehr genau hin und überlegte, ob ich vielleicht einmal genauso enden würde, wie eine der beiden Tucken, bis plötzlich das Wort Flax fiel. Der einsame Mann schien sich nicht sicher zu sein, ob er dahin gehen sollte, und schwankte zwischen dieser und einer alternativen Bar. Entgegen meiner sonstigen passiven Handlungsweise, entschied ich mich in diesem Moment, einfach nur in die Konversation des Dreiergespanns einzugehen.
"Öhm, du erwähntest gerade diese Electro Bar... wo genau ist die denn?", fragte ich den einsamen Herren ohne schriftlicher Vorwarnung. In diesem Moment schienen sogar die beiden extrovertierten Tucken erstaunt gewesen zu sein und schauten mich mit großen Augen an.
"Boxhagener Straße", gab mir der Mann mittleren Alters kurz und knapp zu verstehen. "Ich suche es eben raus." Und er griff nach der Zeitschrift, die er mit sich trug.
"Komm' doch lieber mit ins Flax", posaunte eine Tucke heraus.
"Von da kommen wir gerade."
"Ach? Und wie ist's so?"
"Es war sehr voll. Außerdem scheinen sie nur deutschen Schlager zu spielen."
Daraufhin interuptierte der einsame Mann Gespräch: "Was? Darauf hab' ich nun echt kein Bock. Dann lieber ins Schaf23."
Am Ende des Gespräches war es also beschlossen: Basti, der Mann mittleren Alters und meine Wenigkeit würden es im Schaf23 versuchen. Schwul war diese Bar zwar nicht, aber allemale besser als nix zu tun.
Auf dem Weg dorthin erzählte uns Daniel, kurz Dany, dass er eigentlich aus Freiburg käme, aber hier in Berlin lebe und als Musiker umherzog und bot uns noch einen Airwaves an.
Das Schaf23 war nicht sonderlich groß, aber hatte immerhin einen Liveact. Zwei Kerle, die verschiedene Rock Klassiker nachspielten. Sie waren gut, in dem was sie taten, aber meine Gedanken schweften immernoch ums Flax. Wieso musste das so kommen? Ist es so schwer, in die Szene zu gelangen? War das vorherbestimmt?
"Gefällt's dir nicht?" rüttelte mich Dany aus meinen Gedanken.
"Es ist nicht ganz mein Fall" entgegnete ich ihm offen.
"Nach dem Song können wir ja gehen."
"Ja, mal sehen", wobei ich das "mal sehen" eher nur zu mich sprach, um das Ja hervorzuheben.
Nach dem Song fragte mich Dany, was ich jetzt vorhabe, und ob ich wieder zurück ins Flax wolle. Und genau das war auch mein Wunsch. Es war mir in diesem Moment jedoch unangenehm, der Mittelpunkt des Geschehens zu sein. Aber der Wunsch, es noch einmal dort zu probieren, war größer, als das Verlangen, nicht mehr der Hauptpunkt des Gesprächs zu sein. Basti, der für mich verständlicherweise von der Aussicht, wieder ins Flax zurück zu gehen, genervt war, entschied sich nach hause aufzubrechen. Und so ging ich mit einem einundvierzigjährigen Mann, den ich gerade mal zwei Stunden kannte, zurück, wohin es mich trieb.
Die Menschenmenge vorm Flax hatte zu diesem Zeitpunkt bereits abgenommen, und auch die Leute innerhalb der Bar schienen weniger gewesen zu sein, als beim ersten Besuch mit Basti. MIr fiel erst jetzt auf, wie schrill und bunt die Bar in Wirklichkeit war. An den Wänden und der Decke hingen über gelber Tapete rote Luftballons mit der Aufschrift "15", für, wie ich wusste, fünfzehn Jahre Flax. Zusätzlich war die Wand mit Anime Zeichnungn von leicht bekleideten, durchtrainierten Männern verziert, die dem ganzen Laden zusammen mit dem mir vorhin aufgefallenem Publikum einen verkitschten, kindischen Stempel aufdrückten. Wir fanden beide einen Sitzplatz und bestellten Cuba Libre für mich und Gin Tonic für ihn. Er erzählte mir von seinem ungewollten, durch einen heimlichen Liebesbrief zustandge gekommenen Coming-Out in Freiburg, und wie die konservative bayrische Bevölkerung einschließlich seiner Eltern negativ darauf reagierten. In Berlin sei alles anders, versicherte er mir.
Die Lieder, die die jungen Schwuppen und ihre Gabis (das sind die weiblichen Begleiterinnen), trällerten, waren nicht mehr die deutschen Schlager von vorhin. Da es mittlerweile schon nach null Uhr war, mussten die kleineren Gäste, die noch nicht das entsprechende Alter hatten, gehen, was in der Bar im Endeffekt einen beträchtlichen Teil der Kundschaft ausmachte.
"Ich geh' mal eben aufs Klo" setzte Dany im Gespräch ein. In der Zwischenzeit hatte ich nochmal Zeit, die Umgebung auf mich wirken zu lassen. War das das schwule Leben? Ich kannte jetzt eine schwule Bar, da dürfte man normalerweise nciht solche Schlüsse ziehen, aber woran sollte ich mich sonst orientieren?
Als er von der Toilette wiederkehrte, hatte Dany in seiner Hand eine Zeitschrift.
"Hier. Die ist kostenlos." sagte er und reichte mir das Magazin. "Da steht alles drinne, was in der Woche so an schwulen Veranstaltungen stattfindet." Auf dem Cover der Siegessäule, war eine Gruppe von Männern abgebildet, denen eine Ähnlichkeit mit den Village People nicht abgesprochen werden konnte. Ich steckte das Magazin in meinen Rucksack und sollte es erst Tage später wieder anrühren.
Nach meinem zweiten Cuba Libre befand ich mich soweit in Stimmung, dass ich an der Karaoke Station Everything She Wants von Wham zum Besten gab. Gesanglich alles andere als perfekt, aber mit hohem Spassfaktor. So stand ich da vorne, vor den ganzen schwulen Kerlen, und trällerte munter mein Liedchen. Ich hatte mich selbst ausgeliefert, war scheinbar für wenige Momente so tief in das Geschehen verwickelt, dass man hätte denken können, ich würde es nicht anders kennen. Doch die Wirklichkeit wr, dass mir alles fremd und unvertraut vorkam. Warum stand dort ein Typ, der einfach aussah, wie jeder normale Heterosexuelle auch, überhaupt nicht schwul? Ich schaute mir einzelne Gesichter an und stellte fest, dass viele der Menschen, die dort saßen und standen, unscheinbar aussahen; dass die Klischee Schwulen einfach nur ein kleinen Teil der Menge ausmachten.
Nachdem ich mit dem Lied fertig war, beschlossen ich und Dany, nach hause zu gehen, und so stürtze ich mich in die neutrale, kühle Luft der Nacht und schlief irgendwann unruhig in meinem Bett ein.
15.12.09 21:13
 


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